Raum, Zeit, Leben und Materie

von Dr.med. H.P.Seiler

11. Michelsons vergebliche Suche nach dem Äther

Im Zuge der anfänglichen Erfolge der Äthertheorien von Helmholtz, Maxwell und Kelvin auf dem Gebiet des Elektromagnetismus und der Teilchenlehre spürten auch die mechanistisch orientierten Physiker, daß man hier etwas ganz Großem auf der Spur war:

    Angenommen, daß eine Ätherspannung der elektrischen Ladung, eine Ätherverschiebung dem elektrischen Strom und diese Ätherwirbel den Atomen entsprechen, gelangen wir - wenn wir diese Hypothesen konsequent weiterverfolgen - zu einer der wohl großartigsten Verallgemeinerungen in der modernen Naturwissenschaft, von welcher wir fast versucht sind zu sagen, daß sie wahr sein muß, selbst wenn sie dies nicht wäre: Daß nämlich alle Erscheinungen des physikalischen Universums nichts anderes sind als verschiedene Erscheinungsformen eines alles durchdringenden Äthers. (Swenson, 1972, S. 128)

So noch im Jahre 1903 der Experimentalphysiker Michelson (1852 - 1931), dessen Lebenswerk Versuchen zum direkten experimentellen Nachweis des Äthers gewidmet war, der ja immer noch nur in der Theorie existierte. Ein möglicher Ansatz hierzu ergab sich aus der Überlegung, daß, ähnlich wie z. B. ein Radfahrer einen Fahrtwind verspürt, auch ein im absoluten Raum relativ zum Äther bewegter Beobachter einen "Ätherwind" feststellen müßte.

Abb. 19
Abb. 19: Ein ruhendes (K) und ein bewegtes (K1) Bezugssystem im klassischen Äthermodell.
Aufgrund der klassischen Begriffe von Raum und Zeit in beliebiger Weise definierter, statischer Äther.
v = Geschwindigkeit von K1 relativ zum ruhenden Äther.

Deshalb sollte eigentlich auch auf der Erde, wenn man sie sich nach damaliger Vorstellung als starre Kugel durch den im Newtonschen Weltraum ruhenden Äther hindurch bewegt vorstellte, ein Ätherwind nachweisbar sein. Doch ergaben alle diesbezügliche Versuche Michelsons ein negatives Resultat: Ein Ätherwind war und blieb nicht nachweisbar!

Dieses Resultat stellte die Ätherforscher vor erhebliche Probleme. Gab es etwa den Äther gar nicht?

Doch die Ätherforscher Fitzgerald (1851-1901) und Lorentz (1853- 1928) fanden bald eine überraschend einfache Lösung, welche die Äthertheorie zumindest vorerst einmal rettete: Wenn man annahm, daß sich die Materie bei der Bewegung durch den Äther nicht wie ein starrer Körper verhält, sondern sich in der Bewegungsrichtung um einen bestimmten, von seiner Geschwindigkeit abhängigen Betrag kontrahiert, ließ sich das negative Resultat des Michelson-Versuches sehr gut erklären.

Doch woher sollte diese Lorentz-Kontraktion eines Körpers kommen? - Kelvins noch sehr rudimentäre Äther-Theorie der Materie (s. Abb. 13) war leider trotz ihres vielversprechenden, die Idee der starren Materie ja ebenfalls überwindenden Ansatzes noch weit davon entfernt, eine Erklärung für dieses sonderbare, sich bei der Bewegung eines Körpers durch den Äther offenbar ergebenden Verhaltens liefern zu können.

 
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