Raum, Zeit, Leben und Materie

von Dr.med. H.P.Seiler

10. Die Vierer-Spirale aus dem Tempel der Großen Göttin

Dieses unmittelbare Auftauchen ausgereifter Wirbeltheorien gleich zu Anfang der Wissenschaftsgeschichte legt die Vermutung nahe, daß entsprechende Vorstellungen auch schon in vorgeschichtlicher Zeit vorhanden waren. Wie in emotion 10 ausführlicher dargestellt wurde, gibt es gute Gründe für die Annahme, daß das in prähistorischer Zeit von gewissen Kulturen sehr häufige dargestellte Spiralsymbol als Ausdruck einer sehr frühen Kenntnis der kosmischen Lebens- und Liebesfunktion in Gestalt des spiraligen Ätherwirbels aufzufassen ist.

Sicher ist es auch kein Zufall, daß Kulturen mit häufiger Verwendung Spiralsymbols meist matrifokal und wenig aggressionsorientiert sind. Einen vergleichend-ethnologischen Beweis für diesen Zusammenhang des Spiralsymbols mit einer matrifokalen, die Sexualität bejahenden Kultur finden wir auch auf den Trobriander-Inseln bei Papua-Neuguinea, deren Gesellschaftsstruktur der Soziologe Malinowski ausführlich beschrieben hat. Auch für Reich waren die Trobriander ein wichtiger Beweis für die soziologische Richtigkeit seiner Sexualtheorie der Neurosen. Und tatsächlich nimmt in der darstellenden Kunst und der weltanschaulichen Symbolik der Trobriander die Spirale eine ganz zentrale Stellung ein (näheres hierzu Seiler, 1992)!

Abb. 18
Abb. 18: Kombiniertes Vierer-Spiralmuster mit getüpfeltem Hintergrund auf einer jungsteinzeitlichen Altarplatte aus Malta. Rechts davon eine ähnliche Viererspirale aus der verwandten sizilianischen Castelluccio-Kultur mit deutlich erkennbarer Sexualsymbolik.

Die prähistorischen "Spiralkulturen" in Europa erreichten ihren Höhepunkt in der Jungsteinzeit im Zusammenhang mit der damals sehr verbreiteten, bereits auf die Altsteinzeit zurückgehenden Verehrung einer weiblichen, sicher in etwa als "Frau-Mutter-Erde-Liebesgöttin" zu interpretierenden Gottheit. Das wohl höchstentwickelte Zentrum dieser Spiralkulturen lag auf der kleinen Mittelmeerinsel Malta. Dort wurde auch ein der Großen Göttin geweihter Tempel gefunden, dessen Altar das am schönsten gearbeitete Spiralrelief der Urgeschichte aufweist (s. Abb. 18 links).

Nach der Zerstörung der maltesischen Kultur durch kriegerische Einwirkung etwa 2500 v. Chr. finden sich noch bis in die Bronzezeit um etwa 1500 v. Chr. im gebirgigen Hinterland von Südsizilien letzte Überreste dieser Kultur. Wahrscheinlich hatten Flüchtlinge aus Malta dort eine letzte Zuflucht gefunden.

Die Ähnlichkeit der zweidimensionalen Spiraldarstellung aus Malta aus der Zeit von etwa 3000 v. Chr. mit dem in Abb. 10 dargestellten zweidimensionalen Vierwirbelmodell eines einfachsten Masseteilchens spricht für sich. Die Drehrichtungen der Wirbel stimmen, und auch die ein- und ausströmenden Pole zwischen den Wirbeln sind deutlich unterscheidbar dargestellt. Es fehlt nur noch, daß wir die kreisrunden Tüpfel auf dem Reliefhintergrund, ein charakteristisches Merkmal der Malta-Kultur, als Darstellung von Mesmers Urkügelchen-Äther (vgl. Abb. 3) oder der pythagoreischen Monaden deuten, in welchen sich die der Großen Göttin zugeordnete Wirbelbewegung abspielt ...

Oder muten wir damit einem steinbearbeitenden Inselvölklein etwas zuviel zu? Und was hätte die ätherphysikalische Darstellung eines Massepartikels in einem Tempel zu suchen? Und zeigt nicht die in Abb. 18 rechts dargestellte, eng verwandte Viererspirale aus Castelluccio mit ihren angedeuteten figürlichen Elementen ganz klar, daß die rein abstrakte Spiraldarstellung aus Malta in Wirklichkeit etwas ganz anderes zu bedeuten hat: Nämlich eine hochgradig stilisierte Darstellung des Sexualaktes, welcher der Fruchtbarkeitsgöttin heilig war?

Oder gibt es eine Möglichkeit, die beiden Interpretationen zu verbinden? Erinnern wir uns an Reichs orgonotische Überlagerungsfunktion (s. Abb. 1), welche als kosmische Liebeskraft das einfachsten Massepartikel in Gestalt einer Spirale aus der Orgonenergieströmung entstehen läßt. Warum sollten die Priesterinnen der Frau-Mutter-Erde-Fruchtbarkeitsgöttin dieses einfache Urgeheimnis der Schöpfung nicht schon lange vor Reich erkannt haben? - Dann wäre die Darstellung von Castelluccio lediglich als Interpretationshilfe gedacht: Die den Materiewirbel und damit im Prinzip die ganze Schöpfung und alle Fruchtbarkeit schaffende kosmische Strömungskraft folgt den gleichen Prinzipien wie die sexuelle Liebeskraft. Die Schöpfungstunktion ist eine Liebesfunktion, und dies bereits auf der physikalischen Ebene. Die zusammenfließenden Ätherströme der beiden Doppelwirbel symbolisieren als Vagina und Phallus den kosmischen Schöpfungsakt. Frau und Mann, Erde und Himmel, Materie und Ätherenergie sind als gleichberechtigte Partner in schöpferischer Liebe verbunden. Damit sind Friede und Fruchtbarkeit gewährleistet.

Auch die erstaunlich "physikalisch" anmutenden kosmologischen Vorstellungen, welche den Spiraldarstellungen der Trobriander zugrundeliegen (s. emotion 10), machen diese Interpretation der maltesischen Viererspirale durchaus wahrscheinlich.

Zudem ist es wahrscheinlich kein Zufall, daß Empedokles als profiliertester klassisch-antiker Vertreter einer bioenergetischen Ätherwirbellehre in Südsizilien lebte und wirkte, wo erst etwa tausend Jahre zuvor die Castelluccio-Kultur noch geblüht hatte. Ob er aus den Überlieferungen der "wilden" Ureinwohner im Hinterland der griechischen Kolonialstädte noch etwas von einer längst untergegangenen, matrifokalen Spiralkultur vernommen hat? Jedenfalls berichtet er von einem friedlichen, goldenen Zeitalter, wo die Liebesgöttin die wichtigste Gottheit war. Auch die Odyssee als eine der ältesten griechischen Überlieferungen berichtet von der schönen und mit "gefährlichem" Liebeszauber ausgestatteten Halbgöttin Kalypso, welche auf der zu Malta gehörigen Insel Gozo beheimatet gewesen sein soll.

Die ältesten Ätherwirbeltheorien zeigen also - soweit wir sie aus den hinterlassenen Spuren rekonstruieren können - die größte Übereinstimmung mit ihrer wichtigsten lebensenergetischen Neuauflage in unserem Jahrhundert, der Orgon-Theorie Reichs. Sie stellen die Lebensfunktion des physikalischen Universums ins Zentrum, die Grenzen zu Religion und Biologie werden aufgehoben (bzw. sind noch gar nicht gezogen), wie dies bei Reichs Ansatz der Fall ist.

Dazu kommt als wichtiges Element bei der pythagoreischen Betrachtungsweise der Einbezug des Raumes und vor allem auch der Zeit als dynamische, mit der Ursubstanz verbundene Begriffe. Diese Betonung des Raum und Zeitbegriffes erinnert uns natürlich sofort an die neben der der Quantentheorie sicher wichtigste schulphysikalische Neuerung unseres Jahrhunderts, die Relativitätstheorie: Mit ihr hat Einstein ja das Konzept des absoluten Raumes und der absoluten Zeit Newtons überwunden und durch das - allerdings nur abstrakt-mathematisch verständliche - relativistische Modell des vierdimensionalen Zeit-Raumes ersetzt. Hier ist die Zeit nur noch eine vom Beobachterzustand abhängige Dimension des abstrakten Riemannschen Raumes.

Wir wollen deshalb im Hinblick auf eine denkbare Verbindung der ältesten Vorstellung einer Raum-Zeit-Urmaterie-Gottheit mit der Relativitätstheorie historisch den Faden nochmals an dem Punkt aufnehmen, wo in der Blütezeit der schulphysikalischen Äthertheorien Ende des letzten Jahrhunderts ihr verhängnisvoller Konflikt mit der Relativitätstheorie seinen Anfang nahm.

 
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