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Raum, Zeit, Leben und Materie
von Dr. med.
H.P.Seiler
9.
Empedokles' Physik der Liebe und der Tod des
Sokrates - der Ätherwirbel bei den alten
Griechen
Wie
bereits angedeutet, hat sich Mesmers Äthermodell
sehr wahrscheinlich auf der Grundlage von
Descartes mechanistischer Äthertheorie entwickelt,
welche lange Zeit die schulphysikalische
Lehrmeinung bildete. Allerdings wurde Descartes
Äthertheorie spätestens zu Mesmers Zeiten durch
die abstrakte Physik Newtons immer mehr in den
Hintergrund gedrängt. Während Descartes noch
annahm, daß ein Raum ohne Äther undenkbar sei und
daß die Gestirne im Weltall von riesigen
Ätherwirbeln getragen würden, leitete Newton durch
seine rein mathematische Gravitationsformel und
seinen Verzicht auf ein konkretes Äthermodell die
seither vorherrschende rein mathematisch-abstrakte
Sichtweise der Physik ein.
Allerdings
war sich Newton durchaus bewußt, daß sein Konzept
des absoluten Raumes und der absoluten Zeit nur
vorläufigen Charakter hatte. Er selbst war nämlich
von der Existenz des Äthers durchaus überzeugt.
Seine heute kaum mehr bekannte intensive
Beschäftigung mit der Alchemie ist zudem auch
Beweis dafür, daß er die Lehre von den
seelisch-lebendigen Eigenschaften der Materie und
die Theorie einer gemeinsamen Ursubstanz alles
Seienden sehr ernst nahm. Aber er spaltete diese
Betrachtungsweise bereits von der "reinen"
Wissenschaft ab (vgl. Seiler, 1986).
Noch
in der ursprünglichen und sicher auch naturgemäßen
Einheit finden wir die Begriffe von Raum, Zeit,
Leben und Urmaterie bei den frühesten griechischen
Naturphilosophen, von denen Descartes mit
Bestimmtheit seine Ätherwirbeltheorie übernommen
hat. Unter den Naturforschern der griechischen
Antike gelten die Pythagoräer (ab ca. 500. v.
Chr.), welche als erste eine auch mathematische
Formulierungsmöglichkeit der Naturgesetze
einführten, zu Recht als Begründer unseres
naturwissenschaftlichen Denkens. Allerdings haben
auch die Pythagoräer ihr Wissen sicher nicht aus
dem reinen Nichts geschöpft, sondern vieles von
den Ägyptischen und mesopotamischen
Priesterschulen übernommen. Dazu kam sehr
wahrscheinlich noch einiges an uraltem Wissen,
welches direkt von den matrifokalen (= auf die
Frau zentrierten) jungsteinzeitlichen Kulturen des
europäischen Mittelmeerraumes an die
altgriechischen Völker überliefert wurde. Doch
davon soll noch die Rede sein.
Die
Pythagoräer gingen ähnlich wie Reich und Mesmer
davon aus, daß auch das physikalische Universum
eine belebte Ganzheit darstellt. Obwohl ihre
konkreten Theorien nur lückenhaft und teilweise
sicher auch verfälscht überliefert sind, ist es
doch sehr wahrscheinlich, das nach ihrer Ansicht
Raum, Zeit, Leben und Urmaterie eine Art
viereinige Urgottheit bildeten, aus welcher die
Schöpfung hervorgeht. Charakteristisch für den
fundamentalen Lebensprozeß des Universums ist nach
ihrer Betrachtungsweise die Kreisbewegung der
Gestirne, welche die Zeit hervorbringt. Aus diesem
Grund bezeichnete Pythagoras z. B. die Zeit als
die Seele des Universums: Leben ist Kreis- und
Wirbelbewegung, und der Zeitprozeß ist nur ein
Teilaspekt dieser lebendigen Bewegtheit des
Universums. Auch die mathematischen
Gesetzmäßigkeiten, womit sich bestimmte Äußerungen
des kosmischen Lebensprozesses erfassen lassen,
haben einen seelisch-lebendigen Aspekt. Dieser
drückt sich am besten in der engen Beziehung von
Mathematik und Musik aus. Auch die Zahlen waren
für die Pythagoräer keine abstrakten Größen,
sondern viel eher eine Art göttliche
Einheitspartikel der kosmischen Ursubstanz
(Monaden), ähnlich wie Mesmers Urkügelchen.
Wie
sich Pythagoras selbst den Aufbau der Materie und
eines geordneten Universums aus Kreis- und
Wirbelbewegungen der göttlichen Ursubstanz konkret
vorgestellt hat, ist wie vieles andere leider
nicht überliefert.
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Abb.
17:
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Empedokles
Vorstellung der beiden polaren,
seelisch-lebendigen Grundkräfte der Natur
(Liebe und Streit) als ein- und
ausströmender Pol eines rotierenden
Ringwirbels in einer Flüssigkeit. Rechts
davon Aufsicht auf die dem Liebespol
entsprechende, als zentripetaler,
antigravitationeller Sog wirkende
Spiralströmung an der Unterseite des
rotierenden Ringwirbels
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Jedoch
lassen sich aus den fragmentarischen Schriften des
aus der pythagoreischen Schule hervorgegangenen
Arztes und Naturwissenschaftlers Empedokles (um
482-425 v. Chr.) wenigstens einige wahrscheinliche
Grundelemente der ältesten historischen
Ätherwirbeltheorie rekonstruieren. Der in Agrigent
auf Sizilien aufgewachsene Empedokles geht davon
aus, daß sich aus der lebendigen Ursubstanz des
Universums durch Wirbelbewegung zwei polare Kräfte
entwickeln, nämlich die ordnende, vereinigende
Kraft der Liebe und die zerstörende, trennende
Macht des Streites.
Diese
Kräfte führte er wahrscheinlich in der oben
dargestellten Weise auf einen sich in der
Ursubstanz bildenden rotierenden Ringwirbel
zurück. Die ordnende Wirkung von Empedokles
Liebeskraft läßt sich bereits beim einfachen
Umrühren in einer Teetasse gut beobachten: Durch
den spiralig nach innen strömenden Pol an der
Unterseite des hierbei entstehenden rotierenden
Ringwirbels (s. Abb. 17) werden zerstreut am Grund
herumliegende Satz- oder Zuckerteilchen entgegen
der Zentrifugalkraft zu einem Häufchen in der
Mitte der Tasse vereinigt. Es ist sehr gut
denkbar, daß die alten Griechen dieses einfache
Wirbelexperiment gekannt und sich damit die
Entstehung geordneter Strukturen aus der noch
unstrukturierten Bewegung der kosmischen
Ursubstanz erklärt haben.
Auch
bei Demokrit spielt der Wirbel eine entscheidende
Rolle bei der Strukturierung der Materie. Jedoch
bringt er den Wirbelprozeß bereits nicht mehr
ausdrücklich mit einer seelisch-lebendigen
Funktion des Universums in Verbindung.
Vielleicht
unterließ er dies auch nur aus taktischen Gründen;
und dafür hätte er guten Grund gehabt: Die
pantheistische Vorstellung einer nicht
personifizierten, sich lediglich in schöpferischen
Kreis- und Wirbelprozessen ausdrückenden
Raum-Zeit-Äther-Gottheit wurde nämlich von den
Vertretern des traditionellen Götterglaubens bald
einmal als sträfliche Gotteslästerung gegen
Gottvater Zeus empfunden. Die Verkündiger
derartiger Ideen wurden deshalb mit einem Haß
verfolgt, wie ihn Reich als Vertreter eines
ähnlichen Weltbildes auch über 2000 Jahre später
noch immer voll zu spüren bekam.
Den
sich der hier erstmals in der geschriebenen
Geschichte anbahnenden Ideologiekonflikt zwischen
ganzheitlich-lebendiger Naturwissenschaft und
patriarchalisch-autoritärem Götterglauben bringt
am deutlichsten der Tragödiendichter Euripides (um
450 v. Chr., einer der kühnsten Vertreter
fortschrittlicher Ideen seiner Zeit) in einem
herrlichen Dreizeiler auf den Punkt:
Siehst Du den grenzenlosen Äther über uns,
Der rings die Erde strömend in den Armen
hält?
Der, wisse, der ist Zeus, in ihm erkenne
Gott!
Auch
sein Zeitgenosse und Freund Sokrates wurde von
seinem gefährlichsten Gegenspieler, dem
konservativen Komödiendichter Aristophanes, in dem
raffiniert abgefaßten Stück "Die Wolken"
ausdrücklich der Gotteslästerung angeklagt, da er
Zeus durch einen Ätherwirbel ersetzen wolle. Nicht
zuletzt aufgrund dieser im Sinne Reichs
pestilenten Verhetzung mußte Sokrates dann einige
Jahre später im Athener Gefängnis den Giftbecher
leeren. Wir sehen also, daß der Ätherwirbel schon
ganz zu Beginn unserer Wissenschaftsgeschichte
eine ganz zentrale Rolle spielt. Nicht nur
Empedokles und Demokrit, sondern auch Anaxagoras
und andere bedeutende Naturforscher sahen in ihm
das schöpferische, antientropische Prinzip im
Universum.
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