Raum, Zeit, Leben und Materie

von Dr.med. H.P.Seiler

1. Reichs Orgon-Theorie

Ausgangspunkt der vorliegenden Arbeiten, welche schließlich zur Entwicklung des Kosmonenmodells (vgl. Seiler, 1986) führten, waren die Forschungen des Arztes Wilhelm Reich (1897-1957).

Als physikalisches Substrat der libidinösen Triebenergie Freuds entdeckte Reich ab ca. 1933 eine den ganzen menschlichen Organismus durchströmende, bioelektrisch nachweisbare Energie, welche er später als Orgon-Energie bezeichnete. Später stellte er fest, daß diese Energie aber nicht nur in biologischen Systemen, sondern auch in der unbelebten Natur vorhanden ist und Beziehungen zu den physikalischen Größen Elektrizität, Magnetismus, Licht, Wärme und Gravitation hat. Auch ließen sich damit Versuche durchführen (spontane Erwärmung des Orgon-Akkumulators), welche auf eine eingeschränkte Gültigkeit des Entropieprinzips hinweisen.

Wie hat nun Reich seine Beobachtungen physikalisch interpretiert? Für ihn war klar, daß seine universelle Lebensenergie nicht nur die biologische, sondern auch die physikalische Basis des Naturgeschehens bildet. Das ganze Universum ist von einem lebendig pulsierenden Orgonenergie-Ozean erfüllt, in welchem sich die Orgonenergie-Einheiten als "Kreiselwellen" (s. Abb. 1) spiralig bewegen. Die einer kosmischen Liebesfunktion entsprechende Vereinigung dieser lebendigen Spiralströme läßt als gemeinsames Funktionsprinzip sowohl die kleinsten subatomaren Grundeinheiten der Materie (Abb. 1) als auch ihre größten Einheiten, die riesigen Spiralstrukturen der Galaxien (Abb. 2), entstehen - und zwischen diesen beiden Polen das ganze bunte Spektrum der organischen und der anorganischen Natur.

 
Abb. 1
Abb. 1: Die nach Reich einer kosmischen Liebesfunktion entsprechende Vereinigung zweier Orgon-Energie-Ströme zu einer Wirbelstruktur.
M = Primordiales Masseteilchen.

Obwohl sich auch nach Reich biologische Strukturen z. B. durch die sichtbare Plasmazuckung von der übrigen Materie deutlich unterscheiden, sind doch diese beiden Naturreiche nach der obigen Darstellung lediglich als polare Erscheinungen eines primär belebten, autonomen Schöpfungsprozesses aufzufassen. In diesem erweiterten Sinne ist also auch die anorganische Materie bereits als belebt zu betrachten.

Reichs Orgon-Energie stellt als "Energie, welche ein ununterbrochenes Kontinuum bildet" physikalisch sicher ein Art Äther dar, welchen er jedoch nicht ganz klar definiert.

Abb. 2: Die Spiralgalaxis Messier 51
Abb. 2

Eine Äthertheorie ist bekanntlich jede Theorie, welche - wie die meisten Modellvorstellungen der vorrelativistischen Physik - davon ausgeht, daß der Raum des Universums keineswegs als leer zu betrachten ist, sondern als erfüllt von einem unsichtbaren Zwischenmedium, welches als Äther bezeichnet wird. Über die Natur und die Funktionsweise dieses Äthers wurden von den Physikern der vergangenen Jahrhunderte haufenweise Hypothesen aufgestellt, von denen jedoch keine völlig zu befriedigen vermochte. Allerdings gingen die meisten Äthertheoretiker im Gegensatz zu Reichs bioenergetischer Theorie von einem rein materialistischen Ansatz aus. Sie betrachteten den Äther als unbelebte physikalische Substanz, z. B. als ganz feine Flüssigkeit oder auch als elastischen Festkörper, der sich nach rein mechanischen Gesetzen im starren, absoluten Raum- und Zeitsystem Newtons bewegte.

Anfangs dieses Jahrhunderts wurden die Äthertheorien dann schließlich allesamt von der Relativitätstheorie hinweggefegt, wobei hier sicher einmal mehr in der Geschichte der Wissenschaft das Kind mit dem Bade ausgeschüttet wurde. Wir werden auf dieses Thema noch zu sprechen kommen.

 

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